Das Leibgeding

Schilli´s Beschreibung war bereits die Feststellung zu entnehmen, dass die Generation der „älteren Heidenhäuser“ mit der Wende des 16. Jahrhunderts zu Ende ging. Den Wechsel zur Epoche der „jüngeren Heidenhäuser“ begründete er damit, dass „sich inzwischen das Lebensgefühl (der Bauern) gewandelt hat. Die Renaissance hatte auch die Schwarzwälder ergriffen. Sie wollten besser und gesünder wohnen“. Das sichtbarste Zeichen dieser Wende war die bereits beschriebene Drehung der Hofgebäude um 90 bzw. 180 Grad.

Schilli beschreibt weiter:

„Der mit der Renaissance aufkommende Individualismus gab aber auch dem Altbauern eine neue Stellung in der Hausgemeinschaft. Er übergab nun den Hof dem Jüngsten, dem ´Hofengel´ und zog sich zunächst in das Stübchen mit Schlafkammer zurück, die von jetzt ab dem Haus neben dem Wohnteil angehängt wurde. Jedoch bereits am Ende des 17. Jahrhunderts baute sich der Altbauer ein Häuschen auf der Hofreite. Diese Leibgedingshäuschen gehören von diesem Zeitpunkt an zum Bild eines Schwarzwälder Bauernhofes.“

Am „Ebenemooshof“ wurde ein solcher Anbau eines Altenteils an das Hofgebäude nie angebracht. Wie die nachfolgenden Ausführungen belegen, bestand das „Libding“ auf dem „Ebenemoos“ auch schon vor dem Ende des 17. Jahrhunderts. Die immer großen Familien der Hofbauern und die auf einem großen Hofgut früher lebenden Mägde und Knechte machten es notwendig, zusätzlichen Wohnraum für den Altbauern und seine Frau sowie für noch ledige Kinder zu schaffen.

Bevor auf die Existenznachweise eines frühen Leibgedings auf dem „Ebenemoos“ eingegangen wird, ist zu bemerken, dass das „Ebenemooser“ Libding seit jeher im Sprachgebrauch „Scheuer“ („Schier“) genannt wurde. Dieser Brauch mag dadurch entstanden sein, dass dieses Gebäude früher wahrscheinlich als Zehentscheuer gedient hat bzw. als solche mitbenutzt worden ist. Auch die Leibgedinghäuser beim „Rengethof“, „Kaspilishof“, „Großhof“, „Kilianenhof“ und „Grundhof“ wurden bzw. werden „Scheuer“ genannt; sie bildeten wohl eine Kette von Zehentscheuern, die alle in etwa dem gleichen Abstand voneinander gelegen waren. Auch die für ein Leibgeding außergewöhnliche Größe der “Ebenemöser Schier“ deutet darauf hin, dass sie nicht nur als Altenteil gedient hat bzw. als solches erbaut worden ist.

Im Kaufbrief von 1697, als „Agneß Fallerin, weiland Adam Tritschlers seel. Im Schwertzenbach nachgelasßene Wittib, fürstlich fürstenbergische Under Thannin“ den Hof an ihren Sohn Jacob übergeben hat, werden die Hofgebäude einzeln genannt:

„Es seye Erstliche Hauß, Hoff, Scheuer, Speicher, neben Häußlin, Mühlin, Bach Kuchin ...“. Im weiteren Text ist zu lesen: „Bey diesem Kauff hat sich Verkäuferin mir zu einem Leibgeding außtrückhenlich vorbehalten so Käufer mir jährlich geben soll: Nemlich dass ich in dem Newen oder alten Hauß nach Belieben meine freye Wohnung habe, muß mihr Käuffer, mein Sohn ...“.

Das Leibgedinghaus wurde schon in diesem Vertragstext „Scheuer“ genannt. Interessant ist die Beschreibung des Wohnrechts der Hofwitwe, das sie sich nach ihrer Wahl „indem neuen oder alten Haus“ ausbedungen hat. Da mit dem „neuen Haus“ angesichts des Alters des eigentlichen Hofgebäudes nur das Leibgeding gemeint gewesen sein kann, bleibt die Frage, wie „neu“ es im Jahr 1697 gewesen war bzw. wie lange es schon bestanden hatte.

Dem ältesten vorhandenen Kaufbrief aus dem Jahr 1636 ist zu entnehmen, dass das Leibgeding, die „Schier“, noch nicht bestanden hatte. Denn als Anna Heitzmann, die Witwe von Thebus Tritschler, den Hof an ihren Sohn Adam übergab, waren als Hofgebäude zu nennen: „... mit eingeschlossen, alles mit Hauß, Hoff, Speicher, Nebendt Heußlin, Mühlin...“. Auch die vertraglich getroffene Leibgedings-regelung beweist, dass damals ein getrennt vom Hofgebäude erbautes Altenteil noch nicht existierte:

„... Fürs Siebendte hat gedachte Mitverkäuferin Anna Heitzmännin Ihro (sich) folgendes Leibgeding vorbehalten ... Nahmblich notwendige Wohnung und Wandtel aller Orthen in der Behausung Kalt und Warm samt einer Kammer, die sie selbst erkhiesen (auswählen) wirdt; Am anderen zwey Kühen und einer Geiß, so sommers als Winterszeit in seiner Stallung auf Fuoter und Wayd allermaßen ...“.

Aus den Textstellen „in der Behausung“ (im Hofgebäude) und „in seiner Stallung“ (des Hofbauern) ist ersichtlich, dass die Mutter Räume innerhalb des Hofes als Leibgeding bezog und für das für ihren Lebensunterhalt notwendige Vieh noch keine später ausreichend vorhandenen Stallungen in einem separaten Leibgeding verfügbar waren. Schließlich ist die im weiteren Urkundentext zu findende Stelle ein klarer Hinweis auf das Fehlen eines Leibgedinghauses. Eventuellen Spannungen zwischen Jung und Alt unter einem Dach wurde vertraglich vorgebeugt:

„... Drittens aber wider Verhoffen sie sich beieinander im Haus nicht würden bethragen (vertragen) mögen, auf solchen Fall Käufer Ihro das Nebendt Häuslin ans Hauß gebauen, zu Bewohnen einzuräumen, auch zumahlen auf seine Kosten ...“

Das erwähnte „Nebendt Häuslin“ (Nebenhäuslein) ist in zweierlei Hinsicht zu beachten. Zunächst war in den zitierten Ausführungen von Schilli zu lesen, dass sich erst am Ende des 17. Jahrhunderts der Brauch übergangsweise durchsetzte, dass sich der Altbauer (bzw. seine Witwe) ein Nebenhäuschen an das Hofgebäude bauen ließ. Wie der vorstehende Urkundentext belegt, dachte man auf dem „Ebenemoos“ aber bereits 1636 an eine solche Regelung. Dass – wie bereits bemerkt – ein solcher Anbau am Hofgebäude nicht entstanden ist, mag als Beweis dafür gelten, dass es in dieser Zeit zwischen der verwitweten Mutter und den jungen Hofleuten nicht zu ernsthaften Meinungsverschiedenheiten kam.

Es fällt aber auch auf, dass in den Urkundentexten von 1636 und 1697 bei der Aufzählung der Hofgebäude jeweils von einem „Nebendt Heußlin“ bzw. „neben Häußlin“ die Rede ist. Damit ist aber weder ein Anbau am Hofgebäude noch ein separates Leibgeding gemeint. Denn der weitere Urkundentext bezeichnet den Ort, wo dieses Nebenhäuslein entstand:

„... Dafern aber sie (die verwitwete Mutter) sich wiedermahlen verheiraten würde, auf solchen Fall sie sich selbst dahin erboten, dass sie in das Nebendthäuslein, der Prestenberg genannt, ziehen wölle, doch dass die Stuben darin in ihrem Lohn und Käufers Atzung und Fuhr gemacht werden soll.“

Auf dieses Haus wird später noch eingegangen.

So bleibt insgesamt festzuhalten, dass des „Ebenemösers Schier“, das Leibgeding, 1636 noch nicht bestand, und dass es 1697 als „neues Haus“ bezeichnet wurde. Die vorstehenden Betrachtungen decken sich damit weitgehend mit den Ausführungen von Schilli, so dass für das Entstehen des Leibgedings – auch unter Berücksichtigung des 30jährigen Krieges und des Alters der damaligen Hofbauerngenerationen – die Jahre etwa zwischen 1670 und 1690 angenommen werden dürfen.

Während das Hofgebäude noch Zeugnis über eine jahrhundertelange Hoftradition abgibt, sucht man heute das „Ebenemöser Libding“ leider vergebens. Das schräg über der Straße gelegene Haus wurde am 3. Mai 1975 abgebrannt. Die Feuerwehren von Schwärzenbach und Neustadt wirkten als „Brandstifter“, um das altersbedingt abbruchreife Haus „warm abzubrechen“. Diese Entscheidung fiel dem heutigen Hofbauern gewiss nicht leicht, doch hätten die dringend erforderlichen Renovierungsarbeiten die Kosten eines Neubaus bei weitem überstiegen. Dem Leibgeding war in einer anfangs der 70er Jahre aufgenommenen Fotographie noch deutlich anzusehen, welch geräumiger und schmucker Bestandteil der Hofsiedlung es war.

 

Abbildung 06

 Abbildung 6
Das Leibgeding („die Scheuer“)

Es hatte mit einer Grundfläche von ca. 19 Meter (Straßenseite) auf ca. 17 Meter (Tiefe) für ein Leibgeding außergewöhnlich große Ausmaße und entsprach damit durchaus der Größe eines eigentlichen Bauernhofes. Es beinhaltete im linken und rechten Gebäudeteil je eine Wohnung. Dazwischen waren Stallungen. Außerdem hatte jede der Wohnungen im hinteren Hausteil nochmals Ställe für je zwei bis drei Kühe. Diese waren am hinteren Ende des Gebäudes in Nord- und Südrichtung angebaut und wiesen Außenmaße von ca. 5 x 4 bzw. 7 x 4 Metern auf.

Die Berechtigung zum Abriss des Leibgedings bzw. die Notwendigkeit eines Neubaus sah auch die zuständige Denkmalschutzbehörde ein, die aber zur Auflage machte, dass ein der Landschaft entsprechendes Schwarzwaldhaus als neues Leibgeding an derselben Stelle wieder aufgebaut wird. Der Neubau, der diesen Vorstellungen entsprechen wird, existiert bereits auf einem genehmigten Bauplan, der in absehbarer Zeit Wirklichkeit werden wird. Er wird das alte Bild der Ebenemooshofsiedlung wieder ausfüllen und zu gegebener Zeit dem heutigen Hofbauern-Ehepaar als Wohnhaus im wohlverdienten Ruhestand dienen.